Ralf Kienzler

6.6.2013

Plädoyer für reduzierte Interaktionsmöglichkeiten auf TV-Screens

Desktopnutzer sind es gewohnt den Datei-Explorer auf PC-Systemen und analog den Finder auf Apple Rechnern als zentralen Dateiverwalter zu verwenden. Mit ihnen ist es unmittelbar möglich sämtliche zur Verfügung stehenden Dateien zu selektieren und ohne Ansichtwechsel vorhandene Funktionen und Features zu nutzen. Das ist praktisch, denn es erlaubt eine übersichtliche Darstellung des kompletten Angebotes und allen dazu passenden Optionen. Und das in nur einem Fenster, ohne den Kontext zu verlieren.

Was läge jetzt näher, als dieses Prinzip exakt so auf TV-Geräte zu übertragen? So fragt man sich als erfahrener Computernutzer allein aufgrund der Gewissheit, das es doch so viel einfacher ist sein gelerntes Verhalten auf einem anderen Gerät in gleicher Weise anzuwenden. Die Alternative bedeutet sich mit einem neuen Interaktionsparadigma auseinanderzusetzen, das erst erforscht werden muss. Allein – es ist gar nicht möglich die entsprechende Erreichbarkeit auf dem Fernsehschirm in ähnlicher Weise abzubilden. Das versuche ich im Folgenden deutlich zu machen.

Klassischer Windows-Explorer
Der Windows Explorer auf dem PC: Super – alles auf einmal.


Funktionsüberladener Verzeichnisbrowser auf dem TV-Screen
Eine ähnliche Darstellung auf einem TV-Screen: Suboptimal – alles auf einmal.

1. Die Maus zu Tisch

Als eine Firma namens Telefunken 1968 ein als “Rollkugel” bezeichnetes Eingabegerät zur Steuerung von Benutzeroberflächen einsetzte, waren dessen Erfolgsaussichten dem Unternehmen nicht mal das Stellen eines Patentantrages wert. Erst Apple etablierte mit einer leicht verständlichen grafischen Oberfläche 1983 die Maus als effektive Mensch-Maschine-Schnittstelle. Schade nur, das sich diese bewährte Bedienungshilfe so gar nicht auf das Sofa übertragen lässt: Versuche mit Wii-ähnlicher Bewegungserfassung sich mausähnlich über TV-Screens zu bewegen muten zumindest momentan noch an wie das ansteuern einer Boje bei heftigem Wellengang. Dazu kommt, daß sich das Bewerkstelligen komplexer Aufgabenorganisationen wie Multitasking oder die Verwendung von Shortcuts durch eine konventionelle Fernbedienung gewissermaßen ausschließen.

Ab wann sich Steuerungsmöglichkeiten wie sie bei modernen Spielkonsolen zum Einsatz kommen auch auf  TV-Geräte übertragen lassen ist bei den begrenzten Hardware-Möglichkeiten nur schwer vorherzusagen. Noch dazu resultiert durch das Steuern mit einer Fernbedienung folgendes Problem:

2. Weite Wege machen müde

Auch wenn es sich verbietet, die Performance eines Angebotes allein aufgrund der Klickzahlen zu messen. Durch die Notwendigkeit sich mit handelsüblichen Fernbedienungen mittels der Pfeiltasten über einen Bildschirm zu bewegen, verlangt man vom Anwender bei Ansichten mit vielen Interaktionsmöglichkeiten weite Strecken abzulaufen.

Der Weg vom Hauptmenü über ein Untermenü hin zur Detailauswahl via einer breiten Palette an Funktionen auf einem Screen bedeutet dann Dauerfeuer auf dem Navigationskreuz der Fernbedienung. Das Ziel stets vor Augen wird der Weg dorthin so zu einem mühsamen und frustrierenden Klickmarathon, der Zeit kostet und Umwege nicht ausschließen lässt. Dem entgegen stellen wir Interfaces mit einer reduzierten Auswahl an Optionen, die Funktionen werden auf mehrere Ansichten verteilt.

3. Mein Freund auf der anderen Seite

Die Raumaufteilung eines typischen deutschen Wohnzimmers verdeutlicht die Distanz zwischen dem Nutzer in Pantoffeln, welcher sich entspannt seinem Feierabendbier widmet, und dem Ausgabegerät, das ihm Gegenüber steht. Sich zahlreiche Informationen auf 4 Meter Entfernung anzueignen ist weitaus anstrengender, als in der Arbeitshaltung eines Büroangestellten vor dem Rechner mit Daten einer Excel-Anwendung zu jonglieren. Oder kurz gesagt: das Erfassen von Informationen bei räumlicher Distanz auf prall gefüllten Screens kann in puren Stress münden. Das muss nicht sein.

4. Die Auswahl, der König

Als Nutzeroberflächenentwickler folgen wir etablierten Designprinzipien. Dazu gehört, den Inhalten Priorität zu geben. In dem wir deren Präsenz durch entsprechend großzügige Fläche betonen, stellen wir weniger, aber dafür wichtige Informationen in den Mittelpunkt.

Oftmals genügt es dazu, nicht das komplette Angebot auf einmal abzubilden, sondern die Informationen auf mehrere Screens zu verteilen. Eine einfache Erreichbarkeit ermöglichen schnell zugängliche Vor- und Zurückbuttons. Zweitrangige Funktionen werden ebenfalls auf Folgescreens verteilt, sie stehlen so keinen Raum. Den Inhalten wird Vorrang gegeben, der komplexe Kontext bleibt in der Nähe, bündelt sich aber nicht mehr auf einem Screen.

Zugebaute Mosaikansicht auf dem TV-Screen
Vollgestellt: Mosaik mit Menüs und Funktionen


Reduzierte Mosaikansicht auf dem TV-Screen
Aufgeräumt: Mosaik ohne viel Drumherum


Bei den vielfältigen Argumenten für eine überschaubare Anzahl an Interaktionsmöglichkeiten auf dem TV-Bildschirm sollten die Nachteile nicht verschwiegen werden: auf Folgescreens platzierte Funktionen sind oftmals schwer zu orten. Und sie offerieren dem Nutzer keine Angebote auf zuvor besuchten Übersichtsseiten, was derzeit zum Beispiel auch Windows 8 vorgeworfen wird. Dennoch: modernen Desktopcomputern steht grundlegend jede Menge Platz zur Verfügung, die der Nutzer auf dem TV-Screen nicht hat. Durch die genannte Entfernung des Nutzers zu seinem TV-Gerät verbietet sich eine kleinteilige Aufteilung der Nutzeroberfläche mit ausufernden Informationen und Interaktionsmöglichkeiten.

Zu den Problemen gesellen sich technische Aspekte, die dem Konsumenten nur schwer zu vermitteln sind. Die Bewegung von einem Screen zum nächsten verlangt vor allem eine performante Hardwareleistung. Die muss gewährleisten ohne Wartezeiten und Problemen beim Bildaufbau von einer Seite zur nächsten zu wechseln. Eine langsame Reaktion des Gerätes mündet stets in Frustration und Widerwillen, den weiten Weg über mehrere Screens erneut abzuwandern.

Deshalb hoffen wir seit Jahren auf verbesserte Hardware-Bedingungen. Sei es aufgrund von Gerüchten eines Vorstoßes von Apple mit der Herstellung eigener TV-Geräte, der derzeit leider nicht zu erwarten ist. Oder der Spekulationen über ein eigenständiges TV-Angebotes von google durch dem Erwerb von Motorola Set-Top-Box-Patenten letztes Jahr, die jedoch verkauft werden sollen. Jüngst ließ die Ankündigung von Technologieunternehmen wie amazon mit der Produktion einer kindle-TV Set-Top-Box  dieses Jahr die Erwartungen steigen, oder auch die Implementierung zahlreicher TV-Funktionen auf Microsofts neuer Xbox.

Die Hardware wird künftig dem Nutzer mehr Möglichkeiten bieten, TV-Angebote zu einem vergnüglichen Erlebnis auszuweiten. Derzeit ähnelt die Marktsituation bei TV-Geräten jedoch einer stockenden Reise im Stau. Das Warten erfordert Geduld und Einfälle auch mit den reduzierten Möglichkeiten ansprechende Interfaces zu entwickeln. Ganz sicher sollte ein TV-Interface jedoch niemals einem PC-Desktop ähneln, dazu sind die Nutzungsbedingungen zu verschieden.

Ralf Kienzler

UX / UI Designer

rk@coeno.com

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